Von Flaschen und Pferdehintern

Beim Stöbern im Internet stösst man gelegentlich auf spannende oder auch skurrile Geschichten. Wie beispielsweise diese:

Die Normalspur der hiesigen Eisenbahnen hat eine Spurweite von 1435 Millimetern. Ein recht seltsames Mass auf den ersten Blick, was aber an sich nicht erstaunt, wurde doch das metrische System in der Schweiz erst 1877 eingeführt, also 30 Jahre nach der Eröffnung der Spanisch-Brötli-Bahn. Die Spurweite geht allerdings nicht auf ein altes schweizerisches Mass zurück, sie wurde übernommen von den englischen Eisenbahnen, deren erste Linie 1825 eröffnet worden war. Doch auch in englischer Masseinheit ergibt die Spurweite keine gerade Zahl, sie entspricht 4 Fuss 8½ Zoll. Wie kommt es also dazu? Die Geschichte, die im Netz derart oft kopiert und abgeschrieben wurde, dass ich ihren Ursprung nicht eruieren konnte, behauptet, dass die ersten Eisenbahnwagen in Werkstätten gebaut wurden, die davor auch Wagen für die Strasse gebaut hatten; deren Spurweite wurde übernommen, da man so die vorhandenen Werkbänke und Werkzeuge verwenden konnte. Eine einheitliche Spurweite der Strassenfahrzeuge war nötig, da viele Strassen tief eingefahrene Rillen aufwiesen, und diese Rillen hatten einen Abstand von 4 Fuss 8½ Zoll. Die Wagenräder erhielten also diesen Abstand, damit sie auf den alten Strassen nicht zu Bruch gingen. Die ältesten Strassen aber waren noch von den Römern gebaut worden, deren Streitwagen bereits die gleiche Spurbreite aufwiesen. Und die Breite der römischen Streitwagen war nach der Breite der Hintern von zwei nebeneinander laufenden Pferden bemessen, von denen sie gezogen wurden. Die Spurbreite der ersten englischen Eisenbahnen, die sich also an der Breite von zwei römischen Pferdehintern orientiert, wurde u.a. zum Standard in Europa, Nordafrika, dem Nahen Osten sowie in Nordamerika und China.

Erinnern wir uns an die Space-Shuttles, mit denen Astronaut:innen der NASA während 30 Jahren in den Weltraum flogen, kommen uns unter anderem die beiden grossen Raketen in den Sinn, die an den Seiten des zentralen Treibstofftanks angebracht waren. Diese wurden in einer Fabrik in Utah hergestellt und per Eisenbahn zum Startplatz transportiert. Die Ingenieure hätten sie eigentlich gern etwas dicker gemacht, doch die Eisenbahnlinie verlief durch einen Tunnel in den Bergen, der nur so breit war, wie für die Eisenbahnwagen halt nötig, etwas breiter als das Geleise. So kam es, dass sich auch ein wichtiger Bestandteil des damals modernsten Transportsystems der Welt nach der Breite von zwei Pferdehintern 2000 Jahre zuvor richten musste.

Auch die gängige Weinflasche hat ein seltsames Mass, seit 1977 gilt die EU-Norm von 0,75 Litern. Wieso nicht ein halber oder ein ganzer Liter? Hierzu finden sich im Netz verschiedene Theorien. Eine besagt, dass dies der Lungenkapazität der Glasbläser entspricht, die die Flaschen früher herstellten. Eine andere, dass damit in den alten Tavernen genau 6 Gläser gefüllt werden konnten, was den Service vereinfachte. Oder dass dieses Fassungsvermögen ideal sei für die Flaschenreifung des Weines. Tatsächlich geht aber auch dieses Mass auf die Brit:innen zurück: Britische Händler waren die wichtigsten Kunden der französischen Weinproduzenten. Diese rechneten in imperialen Gallonen, die zur Vereinfachung auf 4,5 Liter gerundet wurden. Eine Kiste mit 6 Flaschen à 0,75 Liter enthält also genau eine Gallone Wein. (Quelle: «Watson»)

À propos seltsame Masse: Ausgerechnet die USA, die Nation, die sich für die Speerspitze der Wissenschaften hält, ist die letzte, die an Unzen, Meilen und Gallonen festhält. In den letzten Jahren hat sogar das Vereinigte Königreich offiziell den Wechsel zum metrischen System vollzogen. Doch in einem Bereich ist die Welt auch dort noch in Ordnung: Die Pint bleibt das einzig legale Mass für gezapftes Bier. Lauwarm natürlich. Prost!

Dieser Text erschien am 22. August 2025 im P.S., www.pszeitung.ch.