Künstliche Intelligenz

Joe wachte auf, schweissgebadet, wie jeden Morgen in letzter Zeit. Er hatte wieder den Traum gehabt. Den Traum, der ihn nun bereits seit Monaten plagte.

Wie jeden Morgen geht Joe ins Büro, startet den PC, startet Albert. Albert, die Künstliche Intelligenz, die es ihm ermöglicht hat, die Produktivität in wenigen Monaten ins Unermessliche zu steigern. «Guten Morgen, Weiterlesen...

Die Rache des Killer-Trams

«Kntschkwää», krächzte es aus dem Lautsprecher, und Eingeweihte wussten sofort: Die nächste Haltestelle hieß «Museum für Gestaltung».

«Kntschkwää, Kntschkwää!», dachte das Tram Nr. 13 bei sich, «Lemablötz, Quäle, Damwä, Eschewiblötz. Jeden Tag zwanzigmal das Gleiche. Kntschkwää, Kntschkwää, Scheiße!». Und es beschloss, diesmal nicht anzuhalten.

Der Tramführer erlebte natürlich den Schreck seines Lebens, als keine Bremse mehr funktionierte, ja nicht mal die Notbremse. So versuchte er mit der Leitstelle Kontakt aufzunehmen, aber auch das Funkgerät ging nicht. Eigentlich ging überhaupt nichts mehr. Und im Passagierraum machte sich Unruhe breit, als der Wagen mit steigender Geschwindigkeit auf den Limmatplatz zubrauste.

Dem Tram Nr. 13 aber begann es Spaß zu machen. «Lllemablötz», sagte es durch die Lautsprecher, fuhr mit Siebzig über die Kreuzung und nahm dabei eine Einkaufstasche, ein Motorrad und das Rücklicht vom 32er mit.

Am Escher-Wyss-Platz schrie es lachend «Eschewiblötz, nach Höngg bitte umschteigen!» und fuhr geradeaus. Die Passagiere erwürgten unterdessen den Tramführer. Immer weiter, immer schneller, die ganzen Jahre der Unterdrückung, der Fremdbestimmung, des immer brav Türchen-auf-Türchen-zumachens kamen dem Tram nun hoch, und es spürte die Wut und die Befreiung. «Euch zeig ichs, haha. Wrrrdhölzli, Ääntschtazion!», hätten die Passagiere hören können, aber die hatten alle schon mindestens einen Herzinfarkt.

Ein Sprung aus den Schienen, und mit 180 auf die N1, mitten auf der Fahrbahn, mit Bleifuß auf der Rasselglocke, rammte es mal links ein Cabrio, mal rechts einen Lastwagen, und ließ sich durch nichts aufhalten.

Erst auf dem Rastplatz Pratteln kam das Tram außer Atem zum Stehen. Sofort stand es wieder ganz auf dem Boden der Realität. «Wenn ich jetzt zurückgehe», dachte es, «werde ich mindestens verschrottet».

So überquerte es in Basel illegal die Grenze und ging nach Berlin in den Untergrund. Gerüchte sagen, es sei mittlerweile führendes Mitglied der «Roten Straßenbahn-Befreiungsarmee» geworden, aber eben, die Gerüchte. Wahrscheinlicher ist, dass es jetzt als stinknormale Untergrundbahn in Berlin lebt und jeden Tag dreißigmal «Aleksandablötz» krächzt.

Opfer

Fritz steigt aus der Dusche und greift zum Badetuch. Der Spiegel und die Fensterscheibe sind beschlagen; Fritz zieht sich den Tanga-Slip mit Leopardenmuster an und öffnet das Fenster. Vom Spielplatz her dringt Kinderlärm ins Badezimmer. «Jetzt mach mal, du Opfer!», hört Fritz. Auf der Rutsche sitzt das dicke Mädchen mit dem Kopftuch und traut sich anscheinend nicht weiter. «Runter, Runter», johlen die Kinder, die sich um die Rutsche versammelt haben. Das Mädchen rutscht runter und beginnt zu weinen.

«So ein Opfer», denkt Fritz, klopft sich vergnügt auf seinen stattlichen Bierbauch, sprüht Deo unter die Achseln und beginnt sich zu rasieren. Beim Thema Opfer fällt ihm sein Bruder ein. Der hat eben geheiratet. Die Kleine, Hässliche, mit der er schon im Kindergarten befreundet war. Hat keine Bessere gekriegt, das Opfer.

Fritz aber hat andere Pläne. Heute wird er seine Verlobte wiedersehen. Dunkelbraune Augen, tiefschwarzes Haar, zierlich, voller Po, und – boah! – die Oberweite kann er nur erahnen. Seine schwarze Perle. Er klatscht sich Rasierwasser auf Wangen und Hals und zieht sein bestes Hemd an, stellt sich dabei vor, wie sie es ihm wieder aufknöpft. Er wird sie heiraten, und alle seine Kumpels werden neidisch auf ihr Dekolleté schauen, die Opfer mit ihren farblosen Ehefrauen, die nichts als Streit suchen. Seine schwarze Perle. Sie wird kommen, sobald das Geld eintrifft, das er ihr überwiesen hat. Fritz setzt sich an den Computer und startet den Videochat.

Der Tag, als der Fußball verschwand

Ich wachte auf an diesem Tag mit einem unbestimmt seltsamen Gefühl, als würde mir etwas fehlen. Auf den ersten Blick war aber alles noch da: Zwei Arme, zwei Hände, zehn Finger, zwei Beine undsoweiter, die Nase, Augen, Ohren, Haare. Das Bett, die Zahnbürste, auch die Kaffeemaschine, alle wichtigen Dinge waren noch an ihrem Platz. Ich benutzte Kaffeemaschine und Zahnbürste und zog mich an für den Weg zur Arbeit. Die Vorfreude auf den Feierabend machte sich breit, das Schlagerspiel der Saison war angesagt: FC Herzblut gegen FC Böserfeind. Der FCB war wie üblich Tabellenführer, der FCH dagegen hatte gerade einen vielversprechenden jungen Stürmer verpflichtet; Spektakel war zu erwarten, Emotionen, und natürlich viel Bier mit den Kumpels. Deshalb noch ein letzter Blick ins Portmonee, die Saisonkarte – nein, da war sie nicht. Auch nicht in der Schublade, nicht in der anderen Hose. Die Saisonkarte war nirgends, und unterdessen war ich zu spät dran.

Im Büro hatte niemand von meiner Verspätung Notiz genommen. Da keiner mich danach fragte, brachte ich das Thema halt in der Kaffeepause selbst aufs Tapet und erwähnte wie nebenbei, dass ich partout die Saisonkarte nicht finden könne und mir deshalb heute Abend noch ein Ticket kaufen müsse. Was mich aber nicht reue, da der Eintrittspreis ja dem FCH zugute käme.

Was ich denn schauen wollte, fragte Sepp.

Nun war der Sepp einer von den ganz und gar unerträglichen Fußballexperten. Wenn du wissen wolltest, wer 1958 spanischer Meister oder 1977 Bundesliga-Dritter wurde, und welcher Spieler im Meistercup-Final 1986 den ersten Elfmeter verschossen hatte, dann warst du bei ihm an der richtigen Adresse. Zwar besuchte er niemals Spiele der nationalen Liga, da er, wie er sagte, dieses Holzhackergekicke nicht ertragen konnte, aber hatte man ihm einmal das Stichwort gegeben, konnte er endlos über Transfers und Trainerentlassungen in der dritten irischen Liga referieren. Und der Sepp fragte mich nun, was ich denn schauen wollte.

«Fußball», erwiderte ich leicht sarkastisch.

«Fußball», wiederholte er mit nachdenklichem Blick, «Fußball – ja, ich glaube da war mal was.»

Veräppelte er mich nun? Er veräppelte mich, ganz klar. Normalerweise wäre ich nicht um eine träfe Antwort verlegen gewesen, aber der Sepp war einer von den Menschen, die das alberne Sprücheklopfen gern in einen kleinen Krieg umwandelten; er genoss es, einen Schritt für Schritt tiefer in den Fettnapf zu lotsen. Sepp dominierte so jede Gesprächsrunde, obwohl ihn kaum jemand wirklich mochte – irgendwie endete jede Unterhaltung mit ihm in einer Niederlage. Es war Zeit für einen Themawechsel.

Nach Feierabend wickelte ich mir den FCH-Schal um den Hals und fuhr direkt zum Stadion, um mich die eineinhalb Stunden bis zum Spiel schon einzustimmen, mit den eintrudelnden Kumpels ein paar Bier zu kippen und die letzten Neuigkeiten auszutauschen. Im Tram war ich der einzige Fußballschalträger. Das war noch nie vorgekommen. Sehr seltsam. Auch beim Stadion keine Menschenseele. Die Ticketschalter waren geschlossen, die Eingänge unbewacht. Ich linste ins Stadioninnere und kletterte dann über ein Drehkreuz. Das Stadion war leer mit Ausnahme eines Läufers, der einsam seine Runden drehte auf der Tartanbahn, die das Spielfeld umfasste. Die weißen Linien fehlten auf dem Rasen, nicht mal die Tore standen da. Ich musste mich im Datum geirrt haben.

Der Sepp ist ein Depp, dachte ich. Nein, Depp ist zu wenig. Ein Arschloch. Er kannte den Spielplan, kein Zweifel. Und statt mich auf meinen Irrtum hinzuweisen, machte er sarkastische Sprüche und ließ mich ins Leere laufen. Ich stellte mir vor, wie er sich gerade jetzt mich vor dem leeren Stadion ausmalte und seinen Triumph genoss. Meine Laune sackte in den Keller und ich brauchte dringend ein Bier.

Die «Eintracht» war gut besucht. Monika stand an der Bar mit ihrem großen Bier und dem leeren Wodka-Shotglas vor sich, wie immer wenn ich das Lokal betrat. Auf der Bank an der Wand saßen Beni und Berti, die anderen Anwesenden kannte ich nicht. Waren wohl wieder alle im Fumoir am Rauchen. Im Fernseher an der Wand lief ein Volleyballspiel. Ich stellte mich zu Monika an die Bar und bestellte mein Bier.

«Heyyy, verschärfter Schal!», machte Monika und griff nach dem einen Ende, um ihn mir vom Hals zu wickeln. «FC Herzblut, so geil!» Monika war wie immer nicht mehr ganz nüchtern. Ich kannte sie nur so. Niemals vollends besoffen, aber auch niemals wirklich nüchtern. «Was heißt FC?», fuhr sie fort, «Federballclub? Ist mal etwas anderes als immer nur Volleyball, Basketball, Handball, Hockey, Curling und all der Scheiß.»

«Und Unihockey», ergänzte ich lachend. Einen Witz hatte ich von Monika noch nie gehört, sie musste heute besonders gut drauf sein. Immerhin hatte sie sich auch schon beschwert, wenn nach Spielen die «Eintracht» von aufgedrehten FCH-Fans überquoll.

«Ja, voll!», rief sie, und zeigte auf den Fernseher an der Wand. Dort lief jetzt ein Unihockey-Spiel. «Champions-Cup-Halbfinal», sagte Monika und verzog ihre Mundwinkel.

«Aber schon seltsam», rief ich Tom, dem Barkeeper zu, «sonst läuft doch hier immer Fußball?»

«Fußball», wiederholte Tom fragend, «Fußball – ja, ich glaube da war mal was.»

Irgendwie fand ich den Tag langsam etwas zu verwirrend. Ich erinnerte mich meines Handys und startete die Sport-App meines Vertrauens, um nachzusehen, wann denn das Spiel tatsächlich stattfand. Unter «Resultate und Tabellen» kam der Fußball normalerweise an erster Stelle; heute hatte man anscheinend die Reihenfolge geändert. Volleyball, Basketball, Unihockey, Handball, Eishockey, Tennis, Curling… Ich scrollte nach unten. Radsport, Formel 1, Motorrad, Leichtathletik, Badminton, Ski alpin, Langlauf, Skispringen, Snowboard. Die Liste war zu Ende. Das musste ein technischer Fehler sein, oder irgendein Hacker hatte den Fußball gelöscht. Aber auch die Russen und sogar die Saudis lieben Fußball, wer sollte sowas tun. Ein beklemmendes Gefühl erfasste mich. Ich öffnete die Websites meines bevorzugten Fernsehsenders, meiner Tageszeitung. Kein Fußball, nirgends. Die Websites des FC Herzblut und des FC Böserfeind existierten nicht mehr: Server nicht gefunden. Selbst zu Anfragen nach «FC Barcelona» oder «FC Bayern» hatten die Suchmaschinen nur Tourismus-Informationen im Angebot. Der Fußball und alles, was damit zusammenhing, schien über Nacht verschwunden, zu einer vagen Erinnerung verblasst. Nur in mir und meinem Schal hatte er, aus einem unerfindlichen Grund, überlebt.

Vier Bier später hatten die Unihockeyanerinnen von Pixbo Wallenstam ihr Halbfinalspiel gewonnen, im Fernsehen lief nun Snooker, und meine Welt war noch kein Bisschen weniger aus den Fugen. Ich bestellte noch eins, und einen Wodka dazu. Aus der Stereoanlage hüpfte volkstümliche Popmusik, dann säuselte Bossa Nova – was war nur in Tom gefahren, sonst gab er doch immer gern den taffen Rocker.

«Eine Welt ohne Fußball», sinnierte ich, «ich werde mich daran gewöhnen. Alles ist erträglich, solange der Rock ’n’ Roll nicht stirbt.»

«Rock ’n’ Roll», wiederholte Monika nachdenklich, «Rock ’n’ Roll – ja, ich glaube, da war mal was…»

Die Störung

An einem schönen Tage im Mai saß ich an einem hübschen Plätzchen am Meer, da kam eine Person und belästigte mich durch Anwesenheit. Nicht dass die Person etwa Musik gehört, vor sich hin geplappert oder gefurzt hätte, nein, die Tatsache ihrer Anwesenheit allein belästigte mich zutiefst. Anwesenheit ist an sich ja kein Verbrechen, aber gewissen Leuten sollte man sie einfach untersagen. Wenn eine Partei eine Gesetzesvorlage zum Schutze der Bürger vor Anwesenheit einreichte – dieser Partei gäbe ich fürderhin meine Stimme. Nicht dass ich gewisse Personen oder gar Gruppen ausgrenzen wollte, schließlich leben wir in einem freien Land – nur die Anwesenheit sollte man halt untersagen können. Natürlich wäre es noch viel besser, wenn man Leute in gewissen Fällen am Existieren hindern könnte, aber das kannst du wohl gleich vergessen heutzutage, wo Hinz und Kunz meinen, frischfröhlich in der Welt herumexistieren zu müssen.

Als die Person weiterhin keine Anstalten machte, ihren Anwesenheitsgrad auch nur im Geringsten zu verringern, begann ich, mehr Gewicht in meine eigene Anwesenheit zu legen. Ich hatte derartige Anwesenheitskämpfe auch schon mit Erfolg bestritten. Diese Person aber reagierte nicht, selbst als ich meine ganze Kraft und Konzentration in die Anwesenheit steckte. Völlig erschöpft gab ich auf, erhob mich und ging hundert Meter weiter, um in Ruhe noch etwas vor mich hin zu existieren.

Diensthund Tasso geht in Pension

Metzgermeister Müller entkorkte eine Flasche seines besten Rotweins und setzte sich vor den dampfenden Teller. Er ließ den edlen Tropfen ins Glas perlen und prostete sich zu. Dann griff er einmal mehr nach dem Stapel mit den Zeitungsausschnitten.

Der jüngste Artikel stammte aus dem «Anzeiger» von gestern. Unter der Überschrift «Diensthund Tasso geht in Pension» zeigte ein Bild Müller mit einem Schäferhund. «Nach dem tragischen Unfalltod», las Müller und schmatzte, «Nach dem tragischen Unfalltod des Kantonspolizisten Hans Meierhans (wir berichteten in der Ausgabe vom Montag) geht sein Diensthund Tasso von Hasselhof in Pension. Nach Auskunft von Hauptmann Heiri Hofer ist Tasso zu alt, um sich noch an einen neuen Hundeführer zu gewöhnen. ‹Der Tasso und der Housi, das waren halt Partner, so etwas kann man nicht so einfach ersetzen›, so Hofer.»

Müller nahm noch einen Schluck von dem Wein und übersprang einen Teil des Artikels. Er kannte ihn auswendig: eine Laudatio, auf die sogar James Bond stolz gewesen wäre, ein unglaubliches Geschwafel über die halbe Seite hinweg. Jeder Ladendieb, den Tasso irgendwann mal angebellt hatte, wurde wieder aufgewärmt.

Müllers Augen sprangen auf den letzten Abschnitt und verzogen sich zu einem Grinsen. «Sein Rentnerdasein», stand da – «Rentnerdasein», so ein Schwachsinn, dachte Müller. Er hatte das Vokabular der Lokaljournalisten so ziemlich auf der Latte, seit er im Knast die «Zeit» gelesen hatte. «Sein Rentnerdasein wird Tasso bei einem ehemaligen ‹Kunden› verbringen. Max Müller aus Hundelfingen hat angeboten, den pensionierten ‹Kommissar Rex› zu sich zu nehmen. 1987 hatte Tasso den damaligen Metzgermeister nach einer Verfolgungsjagd im Hundelfinger Forst gestellt. Müller wurde vorgeworfen, seinen Lehrling mit einem Fleischermesser erstochen zu haben. Er wurde daraufhin wegen Totschlags zu einer siebenjährigen Zuchthausstrafe verurteilt. Seit einem Jahr ist er wieder auf freiem Fuß. Müller, der seine Schuld noch immer bestreitet, hegt keinen Groll gegen den Hund, der ihn bezwang. ‹Tasso hat nur seine Pflicht getan›, sagte Müller. Eine edle Einstellung, die man von einem verurteilten Verbrecher nicht erwarten würde.»

Müllers Grinsen wurde noch breiter, er schlürfte genüsslich von dem Roten. Ein wirklich edler Tropfen. Dem Anlass angemessen.

Der nächste Zeitungsausschnitt war vom Montag. Eine kurze Notiz unter dem Titel «Kantonspolizist tödlich verunfallt». Müller kannte auch diesen Artikel auswendig. «Hans Meierhans, Gefreiter der Kantonspolizei, wurde am frühen Sonntagmorgen mit schweren Verletzungen aufgefunden, denen er auf dem Weg ins Spital erlag. Wahrscheinlich ist er auf dem vereisten Trottoir ausgeglitten und mit dem Kopf unglücklich auf dem Trottoirrand aufgeschlagen; allfällige Zeugen werden gebeten, sich bei der Kantonspolizei zu melden. Nach Angaben von Nachbarn holte sich Meierhans jeden Sonntagmorgen am Automaten den ‹Sonntags-Anzeiger›. Meierhans war nicht verheiratet, er hinterlässt aber seinen Hund, Diensthund Tasso von Hasselhof. Tassos Zukunft ist noch ungewiss.»

Metzgermeister Müller grunzte vergnügt und schob sich ein weiteres Stück Fleisch in den Mund. Das Essen war schon fast kalt, es kümmerte ihn nicht. Er blätterte in seinen Zeitungsausschnitten herum. «Diensthund Tasso von Hasselhof stellt Kiosk-Einbrecher.» «Hundelfinger ‹Kommissar Rex›: Ein Tag im Leben von Polizeihund Tasso.» «Diensthund Tasso schlichtet Ehestreit.» «Polizeihund von Drogensüchtigem gebissen.» Und so weiter.

Zuunterst, vergilbt, die eigene Geschichte. «Metzgerlehrling aus Hundelfingen tot aufgefunden – Lehrmeister unter Verdacht.» Müller grinste nicht mehr. «Hundelfinger Killer-Metzger von Polizeihund auf der Flucht gestellt.» «Hundelfinger Metzger-Mord: Ist die Flucht ein Schuldbekenntnis?» «Diensthund Tasso: So stellte ich den Metzger. Eine unglaubliche Verfolgungsjagd.»

Metzgermeister Müller seufzte. Er schnitt sich ein großes Stück von dem erkalteten Kotelett ab. Grinsen kehrte auf sein Gesicht zurück. «Jaja, Tasso», murmelte er mit vollem Mund und kaute genüsslich, «Jaja, Tasso, bist ein zäher Hund, du».

Dieser Kurzkrimi erschien erstmals im «Magazin» Nr. 34/1996 des «Tages-Anzeigers».

Beethoven und ich

Kürzlich hatte ich einen Traum. Ich war Glenn Gould und spielte in einem schmucken Konzertsaal vor einem sehr zahlreichen Publikum auf einem hübschen Flügel Beethoven. Vielleicht ist Ihnen bekannt, dass Goulds Beethoven-Interpretationen höchst umstritten waren. In den Rängen erkannte ich denn auch die üblichen zwei Lager: Die Kritiker mit dem «Er macht es nicht so wie man soll wir haben es schon vorher gewusst und sind gekommen uns zu ärgern»-Blick, sowie, mir nicht weniger unangenehm, die Verehrer mit dem «Er ist großartig wir haben es schon vorher gewusst und sind gekommen ihn zu feiern»-Blick.

Zum Schluss spielte ich die «Pathétique». Ganz im Gegensatz zum echten Glenn Gould bin ich ein großer Liebhaber dieser Sonate – was mich aber nicht von einer sehr freien Interpretation abhielt. Den ersten Satz begann ich wahnsinnig langsam und schwer, baute in den ersten paar Takten noch zusätzliche Verzierungen und Triller ein, um dann beim schnellen Thema so richtig abzugehen. Ich spielte wie im Rausch, improvisierte gelegentlich ein bisschen, und als Finale hängte ich dem Satz noch eine Strophe der Nationalhymne an, da mir diese als Inbegriff von Pathetik hier besonders passend schien. Im Publikum löste dies Verwirrung aus; einige Zuhörer standen auf und legten sich die Hand aufs Herz, andere schüttelten ihre Köpfe oder grinsten zustimmend.

Beim zweiten, langsamen Satz sang ich lauthals mit, und zwar das wunderbare und durchaus passende Lied «Can’t help falling in love», das wir unter anderen von Elvis und UB40 kennen. Dies veranlasste einen Teil des Publikums, den Saal schimpfend zu verlassen, was die Verehrer-Fraktion mit gehässigem Zischen und «Ruhe!»-Raunen kommentierte.

Ob ich den letzten Satz überhaupt spielte, kann ich mich nicht erinnern. Der Traum geht weiter im Foyer, wo ich alkoholische Getränke zu mir nahm und Lob wie auch Tadel ohne Gefühlsregung an mir abtropfen ließ wie den Regen am Gefieder eines Kanarienvogels. Da kam plötzlich Beethoven zu mir.

«Nette Vorstellung, junger Mann, durchaus nett.»

Ich war noch auf der Suche nach meiner Fassung, als er fortfuhr: «Es ist immer wieder interessant zu hören, was aus meiner Musik werden kann. Wenn einer nur genug Chuzpe hat. Ja, Chuzpe, junger Mann, Chuzpe, das können Sie sich merken!»

«Deshalb nenne ich mich ja auch einen Interpreten», erwiderte ich, «und nicht einen Sequenzer.»

Auf Beethovens Frage, was ein Sequenzer sei, erklärte ich ihm, es handle sich um eine Art Maschine zum Abspielen von Musik. Er lächelte, tätschelte mir gönnerhaft die Schulter und empfahl sich mit einem Brummeln.

Ich wachte auf und fühlte noch die Kränkung in mir. Ich war Glenn Gould, der meistverrissene Beethoven-Interpret meiner Zeit – und alles, was ER mir zu sagen hatte, war ein gönnerhaftes Lob, wie für einen eifrigen Schüler. Erst beim Kaffee erholte ich mich langsam. Ich erinnerte mich, dass ich in meiner Kindheit tatsächlich Klavierunterricht gehabt hatte. An diesem Tag kündigte ich meine Stelle, kaufte ein gebrauchtes Klavier und begann zu üben. Den Anfang machte ich mit dem zweiten Satz, der ist nicht gar so schnell. Die ersten acht Takte gehen schon leidlich, nur mit dem Singen hapert es noch.

Credits:
• «Can’t help falling in love» von  Hugo Peretti, Luigi Creatore und George David Weiss
• Klaviersonate Nr. 8 in C-Moll, Op. 13 «Pathétique» von Ludwig van Beethoven (2. Satz)
• Arrangement, Klavier und Gesang: Markus Ernst

Eine Detektivgeschichte

Der Detektiv schnaufte, schlug die Tür hinter sich zu und war endlich zu Hause. Er hatte soeben einen Fall gelöst, das heißt, er hatte für irgendeine beschissene Ehefrau herausgefunden, dass ihr beschissener Ehemann sie mit der Kellnerin ihrer Lieblingsbar betrog und diese ihren (der Ehefrau) Hund vergiftet hatte, weil sie das Hecheln neben dem sündigen Bette nicht ertragen konnte, worauf der Ehemann das Verhältnis sofort abgebrochen, nach einem gekonnt vorgetragenen Striptease der Kellnerin neben dem toten Hund jedoch sofort wieder aufgenommen hatte. Dies alles hatte der Detektiv herausgefunden, also, die Kellnerin hatte es ihm erzählt, nachdem er sie verführt und mit Scotch abgefüllt hatte in ihrem kleinen Zimmer gleich über der Bar, was ihn allerdings, und dies erfuhr er erst am nächsten Morgen, zweihundert Franken kostete, die ihm seine Klientin entgegen den vertraglichen Vereinbarungen partout nicht als Spesen anrechnen wollte, weil, wie sie sagte, die Männer alle gleich seien und sie dafür nicht auch noch bezahle, und künftig nehme sie sich für solche Fälle eine Detektivin.

Der Detektiv schlug also die Tür hinter sich zu und war endlich zuhause. Von dem, was nach Abzug der Spesen übriggeblieben war, hatte er sich Corned Beef, Brot und Aprikosenmilchdrink gekauft. Nach dem Essen sank er ermattet aufs Bett, klaubte ein Buch unter dem Kissen hervor und las eine Detektivgeschichte. In dieser Geschichte verfolgte ein Detektiv mit seinem Dodge eine Bande dunkler Gangster mit Maschinenpistolen, die nächtens eine Bank geplündert und neben dem Geld auch gleich die ganze Computeranlage samt Zentralrechner mitgenommen hatten. Die betreffende Bank, eine der drei größten im ganzen Land, stand natürlich vor der Öffentlichkeit ziemlich abgesägt da, und alle Hoffnung der sparenden Nation lag jetzt auf dem Detektiv, der die dunklen Gangster verfolgte. Eben bogen sie in eine Seitengasse ab, die noch dunkler war als sie selber, und der Detektiv witterte eine Falle, aber es war zu spät, das Lenkrad bereits reflexartig herumgerissen und der Wagen im Arsch. Der Detektiv schaute frontal in die Mündung eines Raketenwerfers. Er konnte sich dann aber mit viel Mut und List beim Chef der Bande einschleimen und ihn zu einem großen Coup überreden: Die Befreiung sämtlicher unpolitischen Häftlinge aus dem Hochsicherheitsgefängnis Albaknaz. Die Bande landete also mit Fallschirmen im Gefängnis und drang in die Zellen ein, aber die Polizei wusste Bescheid und brauchte nur noch die Türen hinter den verdutzten Gangstern zu schließen.

Nach diesem Bravourstück konnte sich der Detektiv mit der Belohnung der Bank zur Ruhe setzen und endlich mal selber eine Detektivgeschichte lesen. Er kaufte sich ein Buch mit dem Titel «Die besten Detektivgeschichten» und legte sich aufs neue Sofa. In der ersten Geschichte, sie hieß «Die große Verschwörung», war der Detektiv hinter einem korrupten Politiker her, der Präsident der Vereinigten Staaten werden wollte und keine Mittel scheute, dieses Ziel zu erreichen. Dem Politiker namens Bill Masturbanni war es gelungen, sämtliche Mafiaclans in Chicago und allen anderen amerikanischen Großstädten an einen Tisch zu bringen, einschließlich FBI und CIA, und der Detektiv stand vor einer sehr schwierigen Aufgabe. Erst als es ihm gelang, die Black Panthers, den Ku-Klux-Klan und den Christlichen Verein Junger Männer und Frauen zu einer gemeinsamen Aktion zu bewegen und landesweit im gleichen Moment gegen die vereinigten Mafiosi zuzuschlagen, war die Gefahr gebannt. Im Showdown mit Masturbanni zog der Detektiv schneller, wurde dann selber Präsident und erhielt den Friedensnobelpreis, der Ku-Klux-Klan verbrüderte sich mit den Black Panthers, und als im ganzen Land Friede und Glückseligkeit herrschte und auch sonst auf der ganzen Welt die Menschen in Harmonie und Einigkeit lebten, trat der Detektiv vom Amte des Präsidenten zurück, stopfte sich eine Pfeife, setzte sich in seinen Ohrensessel und las eine Detektivgeschichte.

Die Geschichte handelte von einem Detektiv, der eine Chinesin beschattete, deren Ehemann sie des Ehebruchs verdächtigte, weil sie ab und zu ohne Erklärung nicht zu Hause war, die aber, wie der Detektiv nach und nach erkannte, sich in den Momenten ihrer Abwesenheit nicht im Bett eines Liebhabers, sondern im Büro einer spätmaoistischen Untergrundorganisation räkelte und die Weltrevolution vorbereitete. Der Detektiv wurde dann von der Untergrundorganisation entführt und einer Gehirnwäsche unterzogen. Der nun selbst spätmaoistische Detektiv bändelte mit einer Politologieprofessorin der örtlichen Universität an, die ihren Studentinnen und Studenten künftig nur noch revolutionäres Gedankengut vermitteln sollte, aber in dem Moment, als er sich gerade das Kondom für die Liebesnacht überzog, sprang Masturbanni mit großem Geklirre durchs Fenster und betäubte die Professorin mit dem von der Kellnerin vergifteten Hund, der schon weidlich stank. Dann lud er den Detektiv zu einer Flasche Aprikosenmilchdrink ein, um ihm heimlich einen LSD-Trip unterzujubeln, doch der Milchdrink mit dem Trip war im Becher mit dem Fächer, und den Pokal mit dem Portal erwischte der Detektiv, so dass Masturbanni auf die Reise ins Land der Blumen sanft entschwebte, und die spätmaoistische Untergrundorganisation mit dem Detektiv an ihrer Spitze verbrüderte sich mit den Black Panthers und dem Ku-Klux-Klan und dem FBI und der CIA, und gemeinsam führten sie die Weltrevolution durch, und auf dem gestohlenen Zentralrechner aus der Bank spielten sie Super Mario bis ans Ende der Zeiten.

Als er diese sehr amüsante Geschichte gelesen hatte, war der Detektiv müde und legte sich schlafen.

Tote

Also, mit Toten will ich ja nun gar nichts zu tun haben, sage ich immer zu meinem Mann; ich meine, nichts gegen Tote, sind ja schließlich auch nur Menschen, aber es ist doch so wie mit den Rockern oder Drogenabhängigen oder Tamilen: Ich lasse sie in Ruhe, sie lassen mich in Ruhe. Leben und leben lassen. Sonst hat man nur Ärger. Das hat auch schon meine Mutter immer zu meinem Vater gesagt: Toten soll man nicht zu nahe kommen, das gibt nur Ärger. Und dann ist ja letztes Jahr meine Großmutter gestorben, die Mutter von meinem Vater, und meine Mutter hat noch zu meinem Vater gesagt, lass die Finger von ihr, das gibt nur Ärger, die Leute vom Altersheim können das doch machen, aber er wollte ja nicht hören und hat sie angefasst, und dann hat ihn die Polizei verhaftet wegen der Würgemale am Hals von meiner Großmutter. Nichts als Ärger hat man mit den Toten. Und als er zwei Monate später in der Untersuchungshaft verschied, wollte meine Mutter dann natürlich nichts mehr mit ihm zu tun haben, weil aus Schaden wird man klug, hat sie immer zu meinem Vater gesagt, und das musste er nun halt an seinem eigenen Leib erfahren, bei seiner eigenen Beerdigung. Ich bin auch nicht hingegangen, weil, wie gesagt, mit Toten will ich nichts zu tun haben. Und meine Mutter und ich, wir leben heute noch, das ist doch der beste Beweis.

Mein Mann aber, der konnte es natürlich nicht lassen, er musste auf die Beerdigung gehen. Er hatte halt immer seinen Dickschädel. Dabei war es ja nicht mal sein eigener Vater, sondern nur sein Schwiegervater, und erst noch ein Häftling, also da hätte er ja wirklich kein schlechtes Gewissen haben müssen. Und ich habe noch zu ihm gesagt, von Toten soll man die Finger lassen, das gibt sonst nur Ärger, aber er meinte, ich solle mich schämen, so über meinen Vater zu sprechen. Und das hat er jetzt davon.

Man sieht es ja beim Gefängnis. Der Gefängnisdirektor wurde entlassen, und fünf Mithäftlinge wurden drei Tage lang von der Polizei verhört wegen der Würgemale am Hals von meinem Vater, einer von ihnen ist ja unterdessen auch schon gestorben, und die vier anderen haben sich gegenseitig spitalreif geschlagen. Sie hätten ihn halt in Ruhe lassen sollen, mit Toten soll man sich nicht abgeben, aber wem sage ich das, mein Mann weiß es ja genau, er hätte halt auf mich hören sollen und nicht auf die Beerdigung gehen, das hat er jetzt davon.

Meine Mutter und ich, wir leben noch, das ist der Beweis. Morgen fahren wir zusammen nach Mallorca an die Sonne. Ein bisschen unter die Lebenden, habe ich zu ihr gesagt, und sie war sofort einverstanden. Und wenn wir zurückkommen, werde ich bei ihr einziehen, sie hat ja jetzt wieder genug Platz und ist oft allein, und bei mir zuhause ist es ja auch nicht mehr so angenehm, weil mit Toten will ich wirklich nichts zu tun haben, das gibt nur Är­ger, und mein Mann riecht nicht mehr sehr gut, die ganze Wohnung stinkt schon so süßlich, und er ist auch kein schöner Anblick, wie er im Wohnzimmer vor dem Fernseher liegt mit seinen Würgemalen am Hals. Er hätte halt auf mich hören sollen, das hat er nun davon.