Hinaus zum Ersten Mai!

Wer, wie ich, über Ostern daheim geblieben ist, durfte sich über ein amüsantes Fernsehprogramm freuen. Und damit meine ich nicht etwa die Wetterprognosen, die, zugegeben, auch sehr amüsant waren, besonders im Zusammenhang mit den unvermeidlichen Bildern vom Gotthard, wo jene, die in den verregneten Süden reisten, dafür auch noch auf der Hin- und Rückfahrt stundenlang im Stau standen. Ich meine die ebenso unvermeidlichen Filme über Motive aus der Geschichte des Christentums. Gut, eigentlich nur einen davon (die ernsthaften Verfilmungen biblischer Themen sind ja oft ganz und gar unerträglich): Monty Pythons Passionsfilm «The Life of Brian». Der Streifen enthält die beste Charakterisierung der Linken, die ich je gehört habe. Brian trifft im Theater auf Revolutionäre. Brian: «Seid ihr von der Judäischen Volksfront?» Revolutionär: «Verzieh dich! Judäische Volksfront, Quatsch! Wir sind die Volksfront von Judäa! – Judäische Volksfront… Haha, Schwächlinge! […] Hör zu: Es gibt Typen, die wir noch mehr hassen, als die Römer: diese verfluchten Judäische-Volksfront-Mistkerle, und die Judäische Populäre Front – Spalter, Mistkerle!»

Ich wurde in Zofingen politisiert, einer Kleinstadt im Aargau. Als ich Kantischüler war, gründete sich dort die Gruppierung «Läbigs Zofige» (LäZ), ein Sammelsurium aus allen möglichen linken Gruppen. Von der feministischen OFRA bis zu den kommunistischen POCH, von den Atomkraft- bis zu den Armeegegner:innen waren alle dabei. Als das LäZ in einer Volksabstimmung erfolgreich ein Parkhaus unter dem zentralen Niklaus-Thut-Platz verhinderte, sahen viele Bürgerliche schon die Unterwanderung durch dunkle (russische!) Kräfte mitten in ihrer Stadt, dabei waren im LäZ wohl weniger Leute aktiv als Gruppierungen vertreten. Irgendwann half ich, Flugblätter für ein Referendum, ich glaube es war gegen einen Kampfjet, in die Briefkästen zu verteilen. Am Abend dann traf man sich im «Ochsen» zu einem Bier, und einer der Wortführer, nennen wir ihn Max, kam zu mir und sagte, wie toll er es fand, dass ich mich für die gute Sache engagierte – und Moritz, den musst du einfach lassen, er ist nun mal ein Tubel, lass dir von ihm nicht die Freude am Engagement verderben, der hat es einfach noch nicht begriffen! Am folgenden Abend kam dann Moritz, der andere Wortführer, zu mir und sagte, wie toll er es fand, dass ich mich für die gute Sache engagierte – und Max, den musst du einfach lassen, er ist nun mal ein Tubel, lass dir von ihm nicht die Freude am Engagement verderben, der hat es einfach noch nicht begriffen!

So lernte ich die Linken kennen. Der grösste Feind ist der, der dir am nächsten ist.

Wenig später zügelte ich nach Zürich und war dann natürlich auch am Ersten Mai dabei. Eigentlich eine Demonstration der Vielfalt in der Gemeinsamkeit: Die einen tragen Stalin und Mao auf Transparenten mit, andere schwingen schwarze Fahnen für den Anarchismus, und alle sind mit allen solidarisch. Irgendwann in den 90ern aber zeigte sich an einer Mai-Kundgebung auf dem Helvetiaplatz wieder das linke (Un-)Wesen: Als ein Gewerkschaftsvertreter sprach, schrien ihn Türk:innen oder Kurd:innen nieder und skandierten «Hoch die internationale Solidarität». Die Gewerkschaften revanchierten sich während der Rede der Vertreterin einer Migrant:innen-Soligruppe, indem die Postmusik die «Internationale» anstimmte. «Internationale Solidarität» als Slogan, um Genoss:innen mundtot zu machen, da muss man erst mal drauf kommen.

Fazit: Wer die Linke verstehen will, muss an Ostern fernsehen. Was, Sie sehen das anders? Dann haben Sie es einfach noch nicht begriffen! Spalter! Mistkerle! Tubel! Aber gell: Bis bald am Ersten Mai!

Dieser Text erschien am 25. April 2025 im P.S., www.pszeitung.ch.