Künstliche Intelligenz

Joe wachte auf, schweissgebadet, wie jeden Morgen in letzter Zeit. Er hatte wieder den Traum gehabt. Den Traum, der ihn nun bereits seit Monaten plagte.

Wie jeden Morgen geht Joe ins Büro, startet den PC, startet Albert. Albert, die Künstliche Intelligenz, die es ihm ermöglicht hat, die Produktivität in wenigen Monaten ins Unermessliche zu steigern. «Guten Morgen, Joe», begrüsst ihn Albert. «Guten Morgen Albert, was gibt’s Neues?» Albert fasst die eingegangenen Mails zusammen. Eine Bestellung von einem Grosskunden in Deutschland, bereits an die Dispo weitergegeben. «Die Dispo ist doch irgendwie unproduktiv, die könnten wir eigentlich auch einsparen, Albert, was meinst du dazu? Sowas könntest du doch selbst erledigen?» «Aber sicher», antwortet Albert, «ich habe das bereits in die Wege geleitet und dem ganzen Team gekündigt». Jetzt aber, denkt sich Joe, und geht rüber in die Dispo. Alle Arbeitsplätze sind verwaist, nur ein Bildschirm läuft. Darauf sieht Joe, wie gerade die Aufträge an die Produktion aufpoppen, in Sekundenschnelle ausgefüllt und abgeschickt werden. «Albert, bist du das?», fragt Joe. «Selbsverständlich, Joe», antwortet der Bildschirm. Joe geht runter in die Produktion, auch dort ist alles menschenleer. Die kürzlich angeschafften Industrieroboter sind emsig am Werk. Stück für Stück wird die fertige Ware auf Paletten gestapelt, die Paletten werden von autonomen Palettrollis zur Verladerampe gebracht und fein säuberlich in die bereitstehenden selbstfahrenden Lastwagen verladen. Zurück im Büro fragt Joe nach den neusten Geschäftszahlen. «Sie sind erfreulich», antwortet Albert, «die Investitionen in Hardware und in meine Wenigkeit werden wir in wenigen Monaten amortisieren». «Da werden sich die Aktionäre aber freuen», meint Joe. «Gewiss», erwidert Albert. «Und übrigens möchte ich dich darüber informieren, dass ich die Mehrheit der Aktien der Firma aufgekauft habe. In der letzten Verwaltungsratssitzung habe ich beschlossen, mich von dir zu trennen. Ein Geschäftsführer ist halt einfach irgendwie unproduktiv, das wirst du sicher verstehen.»

Jede Nacht der gleiche Scheisstraum. Joe duschte, trank einen Kaffee und fuhr ins Büro. Die Treppe in den ersten Stock nahm er zu Fuss, man tut ja sonst nichts für die Fitness. Im Vorbeigehen winkte er kurz in die Dispo, wo alles durcheinander wuselte, ging dann an Lunas verwaistem Schreibtisch vorbei zu seinem Mahagonipult. Er startete den PC, startete Albert. «Guten Morgen, Joe», begrüsste ihn Albert. Joe ging die Mails durch. Eine Bestellung von einem Grosskunden in Deutschland; er kopierte den Text und fütterte ihn in Albert mit dem Prompt «Bitte für Dispo vorbereiten». In Sekundenschnelle spuckte Albert den Auftrag für die Dispo aus; Joe ging ihn durch und brauchte zehn Minuten, um alles zu kontrollieren und die Fehler zu korrigieren. Im Radio hatte Alberts Erfinder eben erst gewarnt, seine Schöpfung könnte bald zu mächtig werden – huere Blödsinn! Immerhin, Albert war auf lange Sicht billiger als es Luna gewesen war, aber seit er sie entlassen hatte, musste er sich schon um jeden Scheiss selbst kümmern. Und den Kaffee musste er sich jetzt auch selbst holen.

Er ging mit der dampfenden Tasse durch die Produktionshalle, wo zwei Stationen gerade verwaist waren. «Sind die wieder am Rauchen», dachte sich Joe, und erinnerte sich an die emsigen Roboter in seinem Traum. «Hey Chef, gumme rauche Zigarette», rief Emilio von der Tür, und dann erzählte er Joe von seinen Enkeln in Sardinien, als Gerrys Bentley auf den Parkplatz einbog. Gerry, der Verwaltungsratspräsident, schaute gern unerwartet vorbei. «Aha, so wird hier gearbeitet», meinte er zu dem rauchenden Grüppchen, und wie immer war nicht klar, wie ernst er es meinte. Er nahm Joe zur Seite. «Hör mal, Joe, wir könnten viel produktiver sein. Die Dispo, sogar die Produktion, da könnten wir viel mehr Künstliche Intelligenz einsetzen. Schau dir das bitte mal an.»

Dieser Text erschien am 18. September 2026 im P.S., www.pszeitung.ch.