Geile Siechen

Das patriarchale Verhalten von Männern ist wieder stärker in den Fokus öffentlicher Diskussionen gelangt, seit die Vorwürfe der deutschen Schauspielerin Collien Fernandes an ihren Exmann, den Schauspieler und Produzenten Christian Ulmen, bekannt wurden. Ulmen steht im Verdacht, über Fake-Profile im Namen seiner damaligen Frau mit Männern, auch aus ihrem beruflichen Umfeld, in Kontakt getreten zu sein, ihnen gefälschte (oder auch einfach ähnliche) pornografische Bilder und Videos geschickt zu haben, die angeblich Fernandes zeigten, und mit einigen der Männer gar länger dauernde veritable Online-Affären gepflegt zu haben – bis hin zu Telefonsex, bei dem er seine Stimme mithilfe von Künstlicher Intelligenz wie die ihre klingen liess. Nun, wenn die Vorwürfe zutreffen (bis zu einer Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung), ist dies ein absolut widerwärtiges Verhalten, und ich frage mich, was das für ein Mensch ist, der auf solche Ideen kommt.

In Ulmens Lebenswerk gab es etwa die Serie «Mein neuer Freund», in der er sich von Frauen in deren Umfeld als ihr, eben, neuer Freund vorstellen liess und sich dabei so peinlich gab wie nur möglich; wenn die Frauen dies lange genug ertrugen, bekamen sie Geld. Oder die Serie «Who wants to fuck my girlfriend», in der er Männer gegeneinander antreten liess im Wettbewerb, wessen Partnerin von mehr anderen Männern begehrt werde. Formate, in denen er sich auf Kosten anderer inszenierte – unter dem Beifall der Öffentlichkeit. «Mein neuer Freund» etwa wurde 2005 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Sich nun (zumindest als Mann) über Ulmens Verhalten gegenüber seiner Frau zu empören, ist irgendwie billig. Viel interessanter sind die gesellschaftlichen Vorgänge hinter der Geschichte. Ein Mann erntet Bewunderung für seine Selbstdarstellung als Arschloch, aber wenn sich dann herausstellt, dass er tatsächlich ein Arschloch ist, sind plötzlich alle überrascht. Das erinnert mich unangenehm an meine Jugendzeit. Auch da gab es ein paar Jungs, die sehr selbstsicher waren und ihre soziale Stellung darauf aufbauten, weniger souveräne Kinder zu Losern abzustempeln und zu schikanieren. Sie erhielten den Beifall der grossen Masse der anderen Kinder, sie waren die unangefochtenen Anführer und viele Mädchen schwärmten für sie. Wenn sich dann herausstellte, dass die bösen Jungs ihr Wesen auch in einer Liebesbeziehung nicht ablegten, fielen die Mädchen aus allen Wolken und waren am Boden zerstört. Dem Ansehen der Täter aber schadete dies in keiner Weise. So erleben es auch im Erwachsenenalter immer wieder Menschen, insbesondere Frauen und queere Personen, dass sie nach Übergriffen durch Männer kaum Unterstützung finden. Anwesende Dritte schweigen entweder betreten oder solidarisieren sich gar mit den Belästigern. Wehrt sich das Opfer, wird es schnell als zickig und humorlos abgestempelt.

Wie lässt sich dies ändern? Aufrufe an Männer, angesichts von Übergriffen Stellung zu beziehen, anstatt zu schweigen oder gar mit den Tätern mitzulachen, waren in letzter Zeit verschiedentlich zu lesen, doch dies reicht nicht. Wir müssen als Gesellschaft unsere Haltung zu «männlichem» Verhalten hinterfragen. Wenn das Kind nach der Schule von dem tollen Jungen schwärmt, mal zurückfragen, was denn an ihm so toll sei, und ob das Kind denn auch so behandelt werden möchte, wie der Junge andere behandelt. Die Freundin, die vom «Bad Boy» schwärmt, davor warnen, sich emotional einzulassen. Serien, in denen Menschen lächerlich gemacht werden, nicht für Fernsehpreise nominieren. Männern, die sich auf Kosten anderer aufplustern, die Bestätigung als geile Siechen verweigern.

Dieser Text erschien am 17. April 2026 im P.S., www.pszeitung.ch.

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