Was haben der Zürcher Wohnungsmarkt und der Krieg gegen den Iran gemeinsam?
Vorige Woche berichteten verschiedene Medien über die Luxus-Neubausiedlung «Living Eleven» in Zürich Oerlikon, in der über die Hälfte der Wohnungen noch leer steht, obwohl die Siedlung seit November bezugsbereit ist. Gemäss meinem laienhaften Verständnis von Marktwirtschaft würde die Eigentümerschaft nun die Preise senken, um längere Leerstände und damit Ertragsausfälle zu vermeiden, doch dies ist nicht geplant. Anscheinend ist es wichtiger, die hohen Mietpreise stehen zu lassen, damit die Liegenschaft in der Bilanz nicht an Wert verliert. In Zeiten der Wohnungsnot Wohnraum leerstehen lassen, dürfen die das? Wenn ich ein Musikinstrument oder ein Auto besitze, darf ich damit natürlich anfangen, was ich will, ich darf es beispielsweise auch in eine feuchte Garage stellen und jahrelang verrotten lassen oder gar abfackeln oder gegen eine Wand fahren. Ist das mit einer Liegenschaft das Gleiche? Nun, anscheinend ist es das im heutigen Verständnis von Eigentum.
Ebenfalls vorige Woche berichteten verschiedene Medien über auffällige Börsentransaktionen immer kurz vor den Ankündigungen des US-Präsidenten in Bezug auf den Krieg gegen den Iran. Am 23. März etwa kündigte Trump überraschend einen vorübergehenden Stopp der Angriffe an; eine Viertelstunde zuvor waren an der Börse Transaktionen in Milliardenhöhe platziert worden, die dann infolge der Bekanntmachung zweistellige Millionengewinne einbrachten. Ähnliches war bereits bei den Zoll-Ankündigungen der letzten Monate beobachtet worden. Trumps Unberechenbarkeit ist also anscheinend nicht einfach nur der Sprunghaftigkeit eines wirren Geistes geschuldet, sondern sie hat System: Wenn seine Getreuen im Voraus von der nächsten Kehrtwende erfahren, können sie risikofrei massive Gewinne einfahren. Die Weltpolitik missbrauchen, um sich und seine Klientel zu bereichern, darf der das? Nun, er hat den amerikanischen Staat bereits so sehr umgebaut, dass es wohl keine Instanz mehr gibt, die den Verdacht auf Insidergeschäfte untersuchen wird.
Was also haben der Zürcher Wohnungsmarkt und der Krieg gegen den Iran gemeinsam? Sie zeigen auf, wie abgrundtief pervers unser heutiges Wirtschaftssystem ist. Im Kleinen: Der Wohnraum ist nur vordergründig dazu da, den Menschen ein Obdach zu geben. Eigentlich dient er der Optimierung der Renditen der Reichen, und dabei ist es völlig ok, trotz Wohnungsnot halbe Liegenschaften leerstehen zu lassen, wenn es dem Renditeziel dient. Wie im Grossen: Der Welthandel ist nur vordergründig dazu da, Güter zu verteilen und die Menschen zu versorgen. Eigentlich dient er der Optimierung der Renditen der Reichen, und dabei ist es völlig ok, ganze Völker in Krieg und Elend zu stürzen, wenn es dem Renditeziel dient. Wenn es so weit ist, dass selbst in den Vereinigten Staaten, dem ehemaligen Leuchtturm der «freien Welt», einige Oligarchen mit ihrem Komplizen im Weissen Haus ungehindert die Politik ihren Interessen unterwerfen, dann ist die Kombi von Demokratie und freier Marktwirtschaft ganz offensichtlich am Ende. Und wir Linken haben dem nichts entgegenzusetzen. Eine realistische Vorstellung von einer guten Gesellschaftsordnung, die die freie Entfaltung des Individuums und das Wohlergehen der Gemeinschaft unter einen Hut bringt, die potenziell egoistische Natur des Menschen ein- und die Machtausübung durch Narzissten ausschliesst – so eine Vorstellung ist nicht in Sicht.
Ich versuche ja gemeinhin, meine Kolumnen etwas locker und humorvoll abzuschliessen. Angesichts der Realität fällt mir dies gerade schwer. Vielleicht tröstet etwas der alte Witz vom kranken Planeten, der klagt, er leide an einem Befall von Homo Sapiens, und seinem Kollegen, der antwortet: «Kein Problem, hatte ich auch mal, das geht vorüber.»
Dieser Text erschien am 2. April 2026 im P.S., www.pszeitung.ch.
