Notkolumne

Es gibt Momente, da braucht es einfach einen Text. Die ganze Zeitung ist bereit für die Druckerei, nur die letzte Seite fehlt, und alle, die sie sonst schreiben, sind krank oder in den Ferien oder sonstwie unabkömmlich. Dann ist guter Rat teuer. Vielleicht hilft ein Blick ins Archiv…

Mein persönliches Archiv heisst www.derernstdeslebens.ch und enthält ausser meinen Kolumnen, die Sie ja alle bereits gelesen haben, einige alte Kurzgeschichten und Gedichte. Viele davon sind vor allem Sprachspielereien, so etwa das sehr kurze Gedicht «Denken»: «War es ein Kasten, oder Schrank / An den ich denkte – oder dank? / Hätte er nicht sehr gestunken / Hätt’ ich gern an ihn gedunken / Doch er roch, und so deuchte / Lieber ich an eine Leuchte.» – Mit den Beugungen, also Konjugationen und Deklinationen, spielte ich in meiner Jugend gern, beispielsweise in der sehr kurzen Geschichte «Präteritum»: «Schon seit meine Mutter mich gebärte, verwachsel ich die starken und die schwachen Verben. In der Schule schlafte ich gern, und auch im Grammatikunterricht wuch ich nicht auf. Die unregelmässigen Verben seinten mir sowieso scheissegal.» – Oder auch in dem Gedicht mit dem programmatischen Titel «Starke Beugung»: «stehlen, stahl, gestohlen / fehlen, fahl, gefohlen / drehen, drah, gedrohen / flehen, flah, geflohen // fliegen, flog, geflogen / kriegen, krog, gekrogen / lieben, lob, geloben / unsren nächsten, nachst, genochsten // frieden, frad, gefroden / sei auf erden, ard, georden / und den menschen, mansch, gemonschen / ein wohlgefallen, foll, gefullen.» – Immer noch grossen Gefallen finde ich an der Kinderlied-Übersetzung «Swiss Nursery Rhyme»: «It snowels, it bowels / It goes a colden wind / The maiden leg the handshoes on / The boobs they walk geshwind», oder auch am Mini-Textchen «Viele Fohlen»: «Früher züchtete ich Pferde, hatte einen Stall voll fahler Fohlen. Heute habe ich Hunde und Hühner, doch ich muss gestehen: Die vielen fahlen Fohlen fehlen mir.»

Auch nach zwei Jahrzehnten bin ich mir noch unklar darüber, ob das Gedicht «Wie ich die Liebe kennenlernte» auch eine reine Spielerei ist, oder ob es nicht doch einen tieferen Sinn, eine Einsicht ins Wesen von uns Menschen birgt: «Mit 15 war ich zum ersten Mal verliebt. / Mit 20 hatte ich zum ersten Mal Sex. / Mit 25 hatte ich die erste Freundin. / Mit 30 wurde ich zum ersten Mal Vater. / Mit 35 traf ich die Frau meines Lebens. // Mit 40 war ich zum ersten Mal so richtig verliebt. / Mit 45 hatte ich zum ersten Mal so richtig Sex. / Mit 50 hatte ich zum ersten Mal so richtig eine Freundin. / Mit 55 wurde ich zum ersten Mal Grossvater. / Mit 60 traf ich die Frau meines Lebens. // Mit 65 war ich zum letzten Mal verliebt. / Mit 70 hatte ich zum letzten Mal Sex. / Mit 75 hatte ich zum letzten Mal eine Freundin. / Mit 80 wurde ich zum ersten Mal Urgrossvater. / Mit 85 traf ich die Frau meines Lebens. // Mit 90 starb ich an einem Herzversagen. Und die Frau meines Lebens sprach am offenen Grabe zur versammelten Enkelschar: ‹Jaja, das Herz, das war schon immer sein Problem.› Ich hätte ihr widersprochen, wenn ich gekonnt hätte, aber es war zu spät dazu, und es war auch egal.»

Beschliessen möchte ich diese Werbeseite für mich selbst mit einem wirklich schlechten Gedicht, es heisst «Ein schlechtes Gedicht»: «Vom fernen Land Syllabien kam gestern ein Syllaber / Er klopfte an die Tür und schrie: ‹Alm elg ak snilber snaber!› / Ich fragt’, erstaunt ob dem Gebrüll: ‹Was bist denn du für einer?› / Er sagte: ‹Silbenmässig bin ich grosse Klasse, Kleiner!› / Er schlitzte seine Augen wie ein aufgeblasner Backfisch / Ich fand den Kerl bedrohlich und erschoss ihn prophylaktisch / Da kamen Polizisten, und sie nahmen mich gefangen / Für feigen Mord und schlechtes Dichten wurde ich gehangen.»

Dieser Text erschien am 24. April 2026 im P.S., www.pszeitung.ch.

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