Mensch, ist unsere Kommunikation heute kompliziert und unentspannt!
Als Faust in Goethes gleichnamigem Drama um Gretchen wirbt, will sie wissen: «Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?» Wer sich also zu jener Zeit einer braven Frau als attraktiven Mann präsentieren wollte, musste sich einen gläubigen Habitus zulegen. Heute ist dies etwas anders; die Gretchenfrage lautet eher: «Wie hast du’s mit den Geschlechtsidentitäten?». Möchte ich etwa eine junge linke Frau beeindrucken, tue ich gut daran, hinter meinem Namen die Pronomen «(er/ihn)» oder gar «(he/him)» zu ergänzen. Dies beschreibt vordergründig meine Geschlechtsidentität als Cis-Mann, viel wichtiger ist aber die Botschaft, dass ich aufgeschlossen bin und mich zu einer nicht-diskriminierenden Ausdrucksweise bekenne.
Verwenden Sie diese modernen Mitteilungskanäle, etwa Messenger-Apps auf dem Handy oder «soziale» Medien? Und streuen Sie dabei auch gern Emojis in Ihre Mitteilungen ein? Ich ja. Ursprünglich, als etwa E-Mails noch neu und aufregend waren, schrieben wir einfach «:-)» oder «:-(», um unsere Stimmungslage zu visualisieren; etwa ab den 90ern erschienen dann die kreisrunden Smilys, zuerst in Internet-Foren. Diese waren immer gelb. Ich weiss nicht genau, woher das kam, vielleicht von dem gelben Smily, das die Acid-House-Szene zu ihrem Markenzeichen gemacht hatte. Heute haben wir auf dem Handy alle möglichen Symbole zur Verfügung; die kreisrunden Smilys sind immer noch gelb. Auch andere Körperteile, etwa das Daumen-Hoch-Symbol oder die Metal-Faust mit hochgestrecktem Zeige- und Kleinem Finger werden in ihrer generischen Form in Gelb dargestellt; wenn ich eins davon zum ersten Mal anwende, muss ich mich aber entscheiden, ob ich es in Gelb oder in einer von fünf Schattierungen von Hell- bis Dunkelbraun verwenden will. Anscheinend fühlten sich einige Menschen vom gelben Körperteil nicht abgebildet, so dass weitere Hauttöne ergänzt wurden, um diese Menschen nicht zu diskriminieren.
In beiden Beispielen versuchen wir, Diskriminierung zu vermeiden, indem wir alle möglichen Identitäten sichtbar machen. Unter Diskriminierung verstehen wir im heutigen Sprachgebrauch eine Benachteiligung oder Herabsetzung. In meinem Latein-Wörterbuch steht unter «discriminare» aber: «trennen, scheiden; unterscheiden». Der Ursprung jeder Diskriminierung liegt denn auch erst mal in der Unterscheidung: Würden die Frauen nicht von den Männern unterschieden, könnten sie auch nicht schlechter entlöhnt werden. Würden dunkelhäutige Menschen nicht von hellhäutigen unterschieden, könnten sie nicht bei der Stellensuche oder bei Polizeikontrollen schikaniert werden. Hier liegt ein Widerspruch, der sich aus linker Sicht wohl nicht objektiv auflösen lässt, denn genauso wenig ist es möglich, für die Rechte diskriminierter Menschengruppen einzustehen, wenn wir sie nicht unterscheiden. Die Unterscheidung ist also gleichermassen der Ursprung von Diskriminierung wie auch die Basis für den Kampf dagegen.
Leider haben wir eine Sprache, die uns jederzeit zwingt, zwischen Frauen und Männern zu unterscheiden. Dies ist nicht nur unnötig, es ist äusserst hinderlich und ärgerlich. Ich wünsche mir eine Sprache mit generischen Formen, die keine Geschlechter unterscheiden. Dann bräuchten wir weder Pronomen noch Gendersternchen. Und die Metal-Faust hätte ich gern nur in einer Farbe, aber in Grün oder Blau, einfach in keinem Farbton, der irgendwie als Hautton zu lesen ist. Mensch, wäre unsere Kommunikation dann einfach und entspannt!
Dieser Text erschien am 20. März 2026 im P.S., www.pszeitung.ch.
