Die Rache des Killer-Trams

«Kntschkwää», krächzte es aus dem Lautsprecher, und Eingeweihte wussten sofort: Die nächste Haltestelle hieß «Museum für Gestaltung».

«Kntschkwää, Kntschkwää!», dachte das Tram Nr. 13 bei sich, «Lemablötz, Quäle, Damwä, Eschewiblötz. Jeden Tag zwanzigmal das Gleiche. Kntschkwää, Kntschkwää, Scheiße!». Und es beschloss, diesmal nicht anzuhalten.

Der Tramführer erlebte natürlich Weiterlesen...

Wie ich die Liebe kennenlernte

Mit 15 war ich zum ersten Mal verliebt.
Mit 20 hatte ich zum ersten Mal Sex.
Mit 25 hatte ich die erste Freundin.
Mit 30 wurde ich zum ersten Mal Vater.
Mit 35 traf ich die Frau meines Lebens.

Mit 40 war ich zum ersten Mal so richtig verliebt.
Mit 45 hatte ich zum ersten Mal so richtig Sex.
Mit 50 hatte ich zum ersten Mal so richtig eine Freundin.
Mit 55 wurde ich zum ersten Mal Weiterlesen...

Der Bünzli rockt

Am 8. März titelte der «Blick»: «Der Alpentainer rockt das Hallenstadion» – gemeint ist der Volksmusiker Trauffer. Seine Kollegin Helene Fischer rockte dieses und letztes Jahr unter anderem Ischgl («Abendzeitung München», «Heute», «Skimagazin»), Schladming («Focus») und fünfmal die Wiener Stadthalle («Vienna.at»), ihr Schweizer Pendant Beatrice Egli immerhin 2014 auf dem Rathausplatz Weiterlesen...

Wohn-Spintisiererei

Vor vier Wochen bin ich umgezogen in eine hübsche 3-Zimmer-Wohnung an szenigster Lage im Kreis 3 – zum Schnäppchenpreis! Spintisiererei? Nein – aber ich muss bereits wieder weitersuchen, denn habe sie nur bekommen, weil die ganze Liegenschaft im November abgerissen wird zugunsten eines «Ersatzneubaus». Dies setze ich in Anführungszeichen, weil mir schwant, dass hier nicht ein gleichwertiger Weiterlesen...

Opfer

Fritz steigt aus der Dusche und greift zum Badetuch. Der Spiegel und die Fensterscheibe sind beschlagen; Fritz zieht sich den Tanga-Slip mit Leopardenmuster an und öffnet das Fenster. Vom Spielplatz her dringt Kinderlärm ins Badezimmer. «Jetzt mach mal, du Opfer!», hört Fritz. Auf der Rutsche sitzt das dicke Mädchen mit dem Kopftuch und traut sich anscheinend nicht weiter. «Runter, Runter», johlen die Kinder, die sich um die Rutsche versammelt haben. Das Mädchen rutscht runter und beginnt zu weinen.

«So ein Opfer», denkt Fritz, klopft sich vergnügt auf seinen stattlichen Bierbauch, sprüht Deo unter die Achseln und beginnt sich zu rasieren. Beim Thema Opfer fällt ihm sein Bruder ein. Der hat eben geheiratet. Die Kleine, Hässliche, mit der er schon im Kindergarten befreundet war. Hat keine Bessere gekriegt, das Opfer.

Fritz aber hat andere Pläne. Heute wird er seine Verlobte wiedersehen. Dunkelbraune Augen, tiefschwarzes Haar, zierlich, voller Po, und – boah! – die Oberweite kann er nur erahnen. Seine schwarze Perle. Er klatscht sich Rasierwasser auf Wangen und Hals und zieht sein bestes Hemd an, stellt sich dabei vor, wie sie es ihm wieder aufknöpft. Er wird sie heiraten, und alle seine Kumpels werden neidisch auf ihr Dekolleté schauen, die Opfer mit ihren farblosen Ehefrauen, die nichts als Streit suchen. Seine schwarze Perle. Sie wird kommen, sobald das Geld eintrifft, das er ihr überwiesen hat. Fritz setzt sich an den Computer und startet den Videochat.

Der Tag, als der Fußball verschwand

Ich wachte auf an diesem Tag mit einem unbestimmt seltsamen Gefühl, als würde mir etwas fehlen. Auf den ersten Blick war aber alles noch da: Zwei Arme, zwei Hände, zehn Finger, zwei Beine undsoweiter, die Nase, Augen, Ohren, Haare. Das Bett, die Zahnbürste, auch die Kaffeemaschine, alle wichtigen Dinge waren noch an ihrem Platz. Ich benutzte Kaffeemaschine und Zahnbürste und zog mich an für den Weg zur Arbeit. Die Vorfreude auf den Feierabend machte sich breit, das Schlagerspiel der Saison war angesagt: FC Herzblut gegen FC Böserfeind. Der FCB war wie üblich Tabellenführer, der FCH dagegen hatte gerade einen vielversprechenden jungen Stürmer verpflichtet; Spektakel war zu erwarten, Emotionen, und natürlich viel Bier mit den Kumpels. Deshalb noch ein letzter Blick ins Portmonee, die Saisonkarte – nein, da war sie nicht. Auch nicht in der Schublade, nicht in der anderen Hose. Die Saisonkarte war nirgends, und unterdessen war ich zu spät dran.

Im Büro hatte niemand von meiner Verspätung Notiz genommen. Da keiner mich danach fragte, brachte ich das Thema halt in der Kaffeepause selbst aufs Tapet und erwähnte wie nebenbei, dass ich partout die Saisonkarte nicht finden könne und mir deshalb heute Abend noch ein Ticket kaufen müsse. Was mich aber nicht reue, da der Eintrittspreis ja dem FCH zugute käme.

Was ich denn schauen wollte, fragte Sepp.

Nun war der Sepp einer von den ganz und gar unerträglichen Fußballexperten. Wenn du wissen wolltest, wer 1958 spanischer Meister oder 1977 Bundesliga-Dritter wurde, und welcher Spieler im Meistercup-Final 1986 den ersten Elfmeter verschossen hatte, dann warst du bei ihm an der richtigen Adresse. Zwar besuchte er niemals Spiele der nationalen Liga, da er, wie er sagte, dieses Holzhackergekicke nicht ertragen konnte, aber hatte man ihm einmal das Stichwort gegeben, konnte er endlos über Transfers und Trainerentlassungen in der dritten irischen Liga referieren. Und der Sepp fragte mich nun, was ich denn schauen wollte.

«Fußball», erwiderte ich leicht sarkastisch.

«Fußball», wiederholte er mit nachdenklichem Blick, «Fußball – ja, ich glaube da war mal was.»

Veräppelte er mich nun? Er veräppelte mich, ganz klar. Normalerweise wäre ich nicht um eine träfe Antwort verlegen gewesen, aber der Sepp war einer von den Menschen, die das alberne Sprücheklopfen gern in einen kleinen Krieg umwandelten; er genoss es, einen Schritt für Schritt tiefer in den Fettnapf zu lotsen. Sepp dominierte so jede Gesprächsrunde, obwohl ihn kaum jemand wirklich mochte – irgendwie endete jede Unterhaltung mit ihm in einer Niederlage. Es war Zeit für einen Themawechsel.

Nach Feierabend wickelte ich mir den FCH-Schal um den Hals und fuhr direkt zum Stadion, um mich die eineinhalb Stunden bis zum Spiel schon einzustimmen, mit den eintrudelnden Kumpels ein paar Bier zu kippen und die letzten Neuigkeiten auszutauschen. Im Tram war ich der einzige Fußballschalträger. Das war noch nie vorgekommen. Sehr seltsam. Auch beim Stadion keine Menschenseele. Die Ticketschalter waren geschlossen, die Eingänge unbewacht. Ich linste ins Stadioninnere und kletterte dann über ein Drehkreuz. Das Stadion war leer mit Ausnahme eines Läufers, der einsam seine Runden drehte auf der Tartanbahn, die das Spielfeld umfasste. Die weißen Linien fehlten auf dem Rasen, nicht mal die Tore standen da. Ich musste mich im Datum geirrt haben.

Der Sepp ist ein Depp, dachte ich. Nein, Depp ist zu wenig. Ein Arschloch. Er kannte den Spielplan, kein Zweifel. Und statt mich auf meinen Irrtum hinzuweisen, machte er sarkastische Sprüche und ließ mich ins Leere laufen. Ich stellte mir vor, wie er sich gerade jetzt mich vor dem leeren Stadion ausmalte und seinen Triumph genoss. Meine Laune sackte in den Keller und ich brauchte dringend ein Bier.

Die «Eintracht» war gut besucht. Monika stand an der Bar mit ihrem großen Bier und dem leeren Wodka-Shotglas vor sich, wie immer wenn ich das Lokal betrat. Auf der Bank an der Wand saßen Beni und Berti, die anderen Anwesenden kannte ich nicht. Waren wohl wieder alle im Fumoir am Rauchen. Im Fernseher an der Wand lief ein Volleyballspiel. Ich stellte mich zu Monika an die Bar und bestellte mein Bier.

«Heyyy, verschärfter Schal!», machte Monika und griff nach dem einen Ende, um ihn mir vom Hals zu wickeln. «FC Herzblut, so geil!» Monika war wie immer nicht mehr ganz nüchtern. Ich kannte sie nur so. Niemals vollends besoffen, aber auch niemals wirklich nüchtern. «Was heißt FC?», fuhr sie fort, «Federballclub? Ist mal etwas anderes als immer nur Volleyball, Basketball, Handball, Hockey, Curling und all der Scheiß.»

«Und Unihockey», ergänzte ich lachend. Einen Witz hatte ich von Monika noch nie gehört, sie musste heute besonders gut drauf sein. Immerhin hatte sie sich auch schon beschwert, wenn nach Spielen die «Eintracht» von aufgedrehten FCH-Fans überquoll.

«Ja, voll!», rief sie, und zeigte auf den Fernseher an der Wand. Dort lief jetzt ein Unihockey-Spiel. «Champions-Cup-Halbfinal», sagte Monika und verzog ihre Mundwinkel.

«Aber schon seltsam», rief ich Tom, dem Barkeeper zu, «sonst läuft doch hier immer Fußball?»

«Fußball», wiederholte Tom fragend, «Fußball – ja, ich glaube da war mal was.»

Irgendwie fand ich den Tag langsam etwas zu verwirrend. Ich erinnerte mich meines Handys und startete die Sport-App meines Vertrauens, um nachzusehen, wann denn das Spiel tatsächlich stattfand. Unter «Resultate und Tabellen» kam der Fußball normalerweise an erster Stelle; heute hatte man anscheinend die Reihenfolge geändert. Volleyball, Basketball, Unihockey, Handball, Eishockey, Tennis, Curling… Ich scrollte nach unten. Radsport, Formel 1, Motorrad, Leichtathletik, Badminton, Ski alpin, Langlauf, Skispringen, Snowboard. Die Liste war zu Ende. Das musste ein technischer Fehler sein, oder irgendein Hacker hatte den Fußball gelöscht. Aber auch die Russen und sogar die Saudis lieben Fußball, wer sollte sowas tun. Ein beklemmendes Gefühl erfasste mich. Ich öffnete die Websites meines bevorzugten Fernsehsenders, meiner Tageszeitung. Kein Fußball, nirgends. Die Websites des FC Herzblut und des FC Böserfeind existierten nicht mehr: Server nicht gefunden. Selbst zu Anfragen nach «FC Barcelona» oder «FC Bayern» hatten die Suchmaschinen nur Tourismus-Informationen im Angebot. Der Fußball und alles, was damit zusammenhing, schien über Nacht verschwunden, zu einer vagen Erinnerung verblasst. Nur in mir und meinem Schal hatte er, aus einem unerfindlichen Grund, überlebt.

Vier Bier später hatten die Unihockeyanerinnen von Pixbo Wallenstam ihr Halbfinalspiel gewonnen, im Fernsehen lief nun Snooker, und meine Welt war noch kein Bisschen weniger aus den Fugen. Ich bestellte noch eins, und einen Wodka dazu. Aus der Stereoanlage hüpfte volkstümliche Popmusik, dann säuselte Bossa Nova – was war nur in Tom gefahren, sonst gab er doch immer gern den taffen Rocker.

«Eine Welt ohne Fußball», sinnierte ich, «ich werde mich daran gewöhnen. Alles ist erträglich, solange der Rock ’n’ Roll nicht stirbt.»

«Rock ’n’ Roll», wiederholte Monika nachdenklich, «Rock ’n’ Roll – ja, ich glaube, da war mal was…»

Ein unmögliches Gedicht

Ich mag keinen Stall nicht stellen
Ich mag keinen Wal nicht wählen
Ich mag keinen Fall nicht fällen
Ich mag keinen Schal nicht schälen

Ich mag nicht mögen, nein, mag ich nicht!

Ich mag kein Schiff nicht schiffen
Ich mag keine Lose lösen
Ich mag keinen Aff nicht äffen
Ich mag keine Dose dösen

Ich mag nicht mögen, nein, mag ich nicht!

Ich mag keine Schenkel schenken
Ich mag keine Fliege fliegen
Ich mag keine Henkel henken
Ich mag keine Kriege kriegen

Wer mögen mag, der möge, doch ich,
nein, ich mag nicht!

Die Störung

An einem schönen Tage im Mai saß ich an einem hübschen Plätzchen am Meer, da kam eine Person und belästigte mich durch Anwesenheit. Nicht dass die Person etwa Musik gehört, vor sich hin geplappert oder gefurzt hätte, nein, die Tatsache ihrer Anwesenheit allein belästigte mich zutiefst. Anwesenheit ist an sich ja kein Verbrechen, aber gewissen Leuten sollte man sie einfach untersagen. Wenn eine Partei eine Gesetzesvorlage zum Schutze der Bürger vor Anwesenheit einreichte – dieser Partei gäbe ich fürderhin meine Stimme. Nicht dass ich gewisse Personen oder gar Gruppen ausgrenzen wollte, schließlich leben wir in einem freien Land – nur die Anwesenheit sollte man halt untersagen können. Natürlich wäre es noch viel besser, wenn man Leute in gewissen Fällen am Existieren hindern könnte, aber das kannst du wohl gleich vergessen heutzutage, wo Hinz und Kunz meinen, frischfröhlich in der Welt herumexistieren zu müssen.

Als die Person weiterhin keine Anstalten machte, ihren Anwesenheitsgrad auch nur im Geringsten zu verringern, begann ich, mehr Gewicht in meine eigene Anwesenheit zu legen. Ich hatte derartige Anwesenheitskämpfe auch schon mit Erfolg bestritten. Diese Person aber reagierte nicht, selbst als ich meine ganze Kraft und Konzentration in die Anwesenheit steckte. Völlig erschöpft gab ich auf, erhob mich und ging hundert Meter weiter, um in Ruhe noch etwas vor mich hin zu existieren.